„Der Erdball ist umsponnen

von einem unsichtbaren

Netz der Zuneigung.

Das sind die Gebete.“

 

 

Dieser Ausspruch des evangelischen Theo-logen Eckhart Herrmann hat mich unmittelbar angesprochen. Ich stelle mir vor, wie sich dieses Netz über unserem Ort, über unserem Landkreis und letztlich über die ganze Welt ausbreitet. Ein world-wide-web der ganz anderen Art. Mit Milliarden von Sendern. Menschen denken aneinander und beten füreinander. Sie schicken ihr Gebet an Gott und sind zugleich mit denen in Verbindung, für die sie beten. Immer aufs neue knüpfen sie die unsichtbaren Fäden der Liebe und Freundschaft, der Solidarität und des Mitgefühls. Und wenn ich dieses Netz so vor Augen habe, dann sehe ich es in den unterschiedlichsten Gefühlsfarben über uns aufleuchten. Da betet eine Mutter für ihre Kinder oder ein Mann für seine Liebste und ich sehe das Rot der Liebe. Da beten Menschen in den Farben der Sorge für einen kranken Angehörigen oder Freund um Heilung – mal in einem satten Grün der Hoffnung – mal überschattet vom Violett der Sorge. Eine Frau betet in ihrer Trauer für ihren verstorbenen Mann und ihre beste Freundin denkt ihrerseits im Gebet an sie. Ein Mann dankt für das Miteinander mit guten Freunden und dieses Netz strahlt im Gelb-Orange der Lebensfreude. Oder wir beten in unserer Gemeinde für die Menschen aus unserem Partnerdekanat in der Meru - Diözese in Tansania und hoffen mit ihnen auf Regen oder baldige Impfmöglichkeiten – viel-leicht im Blau der Treue. Und und und..

 

 

Wo immer Menschen füreinander beten und im Gebet aneinander denken, entsteht dieses wunderbare, farbenfrohe Netz der Liebe. Natürlich beten wir auch für uns selber, etwa in schwerer Zeit oder voller Dankbarkeit für das Geschenk unseres Lebens. Aber das Gebet ist letztlich nie etwas egozentrisches. Es kreist nie nur um sich selbst. Nicht umsonst beginnt das Vater unser mit „unser“ und nicht mit „mein“. Es ist nicht von „meinem“ täglichen Brot die Rede und nicht von „meiner“ Schuld. Stets ist das „wir“ im Blick. Wer sich im Gebet zu Gott hin öffnet, weiß, dass er nicht allein auf der Welt ist, sondern zur weltweiten Gemeinschaft der Kinder Gottes gehört.

 

Rogate – übersetzt „betet!“ heißt der erste Sonntag, den wir im Mai in diesem Jahr feiern. Er steht in einer Reihe von Sonntagen zwischen Ostern und Pfingsten, die betrachten, was die Kirche von Ostern her ausmacht und bestimmt. Und dieses unsichtbare Netz der Zuneigung, das durch unsere Gebete entsteht, gehört unbedingt dazu. In einer Zeit, in der wir nach wie vor oft nur über Abstand hinweg verbunden sein können, ist es umso wichtiger. Wir leben nie nur aus uns selbst – das spüren wir in dieser Zeit der Pandemie besonders deutlich.

 

Glücklich ist, wer betende Menschen gera-de in einer Krise an seiner Seite weiß. Denn dieses unsichtbare Netz der Zuneigung trägt. Es schafft Halt. In ihm wirkt und leuchtet der Heilige Geist, der ein Geist der Kraft, der Liebe und Besonnenheit ist. Darum: bringen Sie sich ein! Knüpfen Sie mit an diesem bunten, weltweiten Netz der Zuneigung und lassen Sie es in allen Farben strahlen!

 

Ihre Klinikseelsorgerin

Pfarrerin Sabine Schmid-Hagen