Liebe Leserinnen und Leser,

 

kommt Ihnen vielleicht auch manchmal folgender Gedanke in den Sinn: Was sind das heute bloß für Zeiten? Was sind das für spannende, turbulente, schwierige, verrückte, krisenhafte Zeiten? In fast allen Lebensbereichen erleben wir tiefgreifende Änderungen: im Berufsalltag, in der Familie, bei Finanzfragen, in Medizin, Technik und Naturwissenschaft, Mobilität – um nur einige zu nennen. Häufig sind mit den neuen Entwicklungen auch Unwägbarkeiten und Risiken verbunden.

 

Bereits im Jahr 1986 hat der Bamberger Soziologe Ulrich Beck ein vielbeachtetes Buch mit dem Titel „Risikogesellschaft“ veröffentlicht. Demnach sind in einer Risikogesellschaft die Menschen zunehmend stärkeren und unsichtbaren Bedrohungen ausgesetzt, die der technische Fortschritt hervorruft. Im Gegensatz zu den Gefahren früherer Zeiten betreffen die Risiken der Moderne dabei alle Individuen, nicht nur mehr Einzelpersonen oder einzelne Gruppen einer Gesellschaft. Genau dies erleben wir in der aktuellen Pandemiesituation. Sie hat uns alle weltweit vor bisher nicht gekannte Fragen und Aufgaben gestellt.

 

Einerseits leben wir heute scheinbar ohne Rahmen in der globalisierten Welt, gehen mit Mausklick ins world-wide-web, können in alle Länder der Welt reisen. Andererseits stoßen wir immer wieder auch an Grenzen:

die Grenzen des Wachstums im Großen, aber auch unsere persönlichen Grenzen. In der Berufspraxis werden Grenzen durch bürokratische Vorgaben sowie die Zeit und Zahl der Mitarbeitenden gesetzt.

 

Auch die Bibel berichtet immer wieder von Zeiten der Unsicherheiten, von Grenzen und Umbrüchen. In der Apostelgeschichte wird berichtet: Paulus ist auf Missionsreise unterwegs und kommt etwa im Jahre 45 nach Athen, der Kulturhauptstadt der damaligen Welt. Athen ist eine hochentwickelte moderne Stadt: Kunst und Kultur Philosophie und Sport, die Grundform der Demokratie haben sich hier entwickelt. Wissenschaft und Handel blühen. Es existiert eine große Vielfalt an Religionen, die Paulus an der Menge der Götterstatuen,

Denkmäler und Heiligtümer erkennt. Auf dem Marktplatz beschäftigt ihn die Frage, ob der damals neue christliche Glaube mithalten kann mit den wissenschaftlichen und kulturellen Errungenschaften der Menschheit. Auf seinem Weg durch die Stadt findet Paulus einen Altar, auf dem geschrieben stand: dem unbekannten Gott. Und dann verkündigt Paulus den Athenern den großen Gott. Er erzählt von der Erschöpfung der Welt und von dem Wirken seines Gottes. Er endet mit „und fürwahr, er ist nicht ferne von einem jeden unter uns. Denn in Ihm leben, weben und sind wir“ (Apg. 17, 27f) .

 

 

 

 

Paulus war Zeltmacher und konnte mit Tuchwaren umgehen. Gewebtes entsteht in einem Rahmen, der das Webstück begrenzt. Er gibt zunächst Halt für die Kettfäden, die unter Spannung stehen und damit die Basis für das weitere Vorgehen legen. Wenn einer dieser Kettfäden reißt, dann kann das ganze Kunstwerk zerstört werden, weil der Zusammenhalt fehlt. Anders beim Schuss: Mit dem Schiffchen werden die Woll-Fäden abwechselnd oben und unten durch die Kettfäden geführt. Sie dürfen dabei nicht zu locker, aber auch nicht zu fest gezogen werden. Diese Fäden können, wenn sie reißen, neu angesetzt und dadurch Löcher geschlossen werden. Mit dem Kamm wird das Gewebte geordnet, die Webreihen werden aneinander gedrückt, so dass das Gewebte an den Seitenrändern gerade bleibt.

 

„In Ihm leben, weben und sind wir.“ Ganz sicher kann dieser Bibelvers für den Monat Juli auch ein begleitender Gedanke für unsere schwierigen Zeiten sein. In Ihm sind wir auch mit unseren derzeitigen Ängsten und Sorgen geborgen.

 

Ähnlich einem Webstück können Menschen Netzwerke bilden, sich mit anderen Menschen zu einem tragfähigen Netz verbinden, das in guten und erst recht in schlechten Zeiten trägt. Auf diese Weise kann Hoffnung wachsen, weil Menschen füreinander da sind. Auch so ist Gott nicht fern von einem jeden unter uns. Denn wenn wir gemeinsam in diesen herausfordernden Zeiten weben - in Familie, Gemeinden und Gesellschaft - dann können wir gemeinsam ein „Zukunftstuch“ weben in der Gewissheit, dass Gott immer wieder den Faden zu uns aufnimmt. In Ihm leben, weben und sind wir: Dass Sie diese hoffungsvolle Gewissheit spüren, das

wünsche ich Ihnen für die kommenden Sommerwochen: Dass es Ihnen gelingt, in Ihre gegebenen Kettfäden Fäden mit leuchtenden Farben einzuweben. Dass Sie da, wo Fäden gerissen sind, wieder neu ansetzen können, entstandene Löcher wieder schließen und spüren: Gott ist nicht fern. Gott, der Leben und Atem gibt, ist ganz nah bei einem jeden von uns.

 

Bleiben Sie behütet!

 

Ihre Martina Wegner